Des Farmers Zorn und die Kunst der Diplomatie
Man stelle sich vor: Die historischen Fahrzeuge, die sich zu unserem Wohlgefallen auch dadurch auszeichnen, dass sie ein „wenig“ lautstärkere Motorengeräusche von sich geben, ziehen ihre am Muttelsee gelegene Runde knatternd übers Hinterland. Romantisch vorbei an Bauernhöfen und Kühen, idyllisch entlang eines Wäldchens, um dann kurz vor Ende dieses Abschnitts einer Steigung entgegenzusehen. Die Straße schmal, das Bergchen steil. So mancher fühlte sich dazu angehalten, „etwas“ Schwung zu nehmen und sein Gaspedal durchzudrücken, um die Landschaftserhebung mit einer ebensolchen Erhebung des Fahrgefühls zu bezwingen. Alles gut soweit, könnte man meinen. Wäre da nicht ausgerechnet, genau zu Beginn der Steigung, ein weiterer Bauernhof gestanden. Der letzte auf diesem Abschnitt. Der zugehörige Farmer war gerade draußen mit seiner Arbeit beschäftigt, direkt an jener schmalen Straße, auf der wahrscheinlich zwei- bis dreimal am Tag jemand vorbeifährt. Er konnte seinen Augen und Ohren nicht trauen. Völlig unvorbereitet rauschten, dem Aussehen nach Rennfahrzeuge, an seinem fast schon abseits der Zivilisation gelegenen Hof vorbei. Und so sah er sich unmittelbar einem Anschlag auf Leib und Leben, Haus und Hof ausgesetzt. Das führte dazu, dass der Bauer wutentbrannt einem vorbeirauschenden Fahrzeugführer mit stark erhobener Stimmgewalt einige unschöne Worte zurief. Der Fahrer sah sich spontan dazu veranlasst, ihm „ähnliche Äußerungen“ entgegenzurufen und seine Hupe ausgiebig zu betätigen. Woraufhin der Hofhüter versuchte, den Fahrer mittels beherztem Griff an den Fensterholm an der Weiterfahrt zu hindern. Jedenfalls folgte eine Salve weiterer unschöner Ausdrücke, von denen ein paar Wortbrocken auch bis zu mir hinauf schallten circa 150 Meter vom Ereignis entfernt. Ich befand mich zu diesem Zeitpunkt oben in der Kurve nach der betreffenden Straßensteigung, geduldig mit meiner Videokamera in der Hand wartend, um die aus dem Straßenbogen kommenden Fahrzeuge in Bewegung aufzunehmen. Mit einer gewissen reporterüblichen Neugier bewegte ich mich in Richtung Checkpoint, der sich gut 100 Meter in entgegengesetzter Richtung befand. Dort fragte ich nach, ob sie denn mitbekommen hätten, was da los gewesen sei. Sie erzählten mir in Umrissen den Vorfall, wodurch ich mich dazu bewogen fühlte, der Sache auf den Grund zu gehen. Mir und allen anderen war klar, dass diese Situation ein gewisses Eskalationspotenzial mit sich brachte. Vor allem, weil gerade einmal sechs von sechsundsechzig Fahrzeugen an dieser Stelle durchgefahren waren. Nicht auszumalen, was noch hätte folgen können. Also habe ich mit dem dortigen, unabkömmlichen Scuderia-Lindau-Team abgesprochen, dass ich mich darum kümmere. So bin ich in unseren Mediacar gestiegen, unseren Moggie Baujahr 66, den Lakeside-Cinematics-Oldtimer, und machte mich auf den Weg. Diana fuhr mit. Diana ist unsere Lakeside-Cinematics-Assistenz. Am Hof angekommen, sahen wir zuerst den argwöhnisch blickenden Farmer, dann seinen großen Hund. Der Hund, ein sehr gemütlicher Bernhardiner-Mischling, erweckte nicht den Eindruck eines grimmigen Gemüts. Was man von seinem Besitzer nicht behaupten konnte. Ich fuhr auf den Vorplatz seines Hofes und hielt an. Ich musste den Mann nicht lange dazu auffordern, mit mir zu sprechen. Er kam, sichtlich sauer gestimmt, direkt an mein offenes Autofenster gelaufen und beugte sich zu mir herunter. Nicht lange zögernd eröffnete ich das Gespräch in einem freundlichen Tonfall, den ich während des gesamten Gesprächsverlaufs beibehielt, und versuchte ihm zu erläutern, dass es sich um eine offizielle, bei den Ämtern angemeldete Rundfahrt der Scuderia Lindau handelt. Er verzog sein Gesicht, bis es tiefe Furchen zeigte. Mit erhobenem Finger begann er, seinem Unmut freien Lauf zu lassen. „Das ist mir schei…egal, ihr könnt hier nicht …“, schallte es mir entgegen, nebst einigem mehr. Unter anderem drohte er damit, seinen Traktor mitten in den Weg zu stellen, damit keiner mehr vorbeikommen könne. Er fand klare Worte, doch ich gewann mit der Zeit die Einschätzung, dass er im Grunde seines Wesens kein Unmensch ist. Dianas Blutdruck stieg jedoch schon seit geraumer Zeit an; auf dem Beifahrersitz wurde sie zunehmend unruhig, was ansonsten nicht ihre Art ist. Sie war gerade dabei, ihren Mund zu öffnen, doch konnte ich sie mit einem besänftigenden Handzeichen gerade noch davon abhalten. Um die Geschichte an dieser Stelle zu Ende zu bringen: Die hohe Kunst der Diplomatie war gefragt. Ich hörte zu beziehungsweise stellte ich mich, vehement um Deeskalation bemüht, als Prellbock zur Verfügung. An der ein oder anderen Stelle hatte ich gute Argumente, die ihn jedoch zunächst kalt ließen. Doch am Ende „siegte“ ich: Der Mann wurde ruhiger, sah mir dann in die Augen und klopfte mir „liebkosend“ auf den Arm. Ein positives Zeichen, ohne viele Worte. Es war des Bauern wortloses Okay: Ich lasse euch weiter durchfahren, ohne die Mistgabel oder den besagten Traktor herauszuholen. Und so war es dann auch.











































































































